Publicado en Welt, el 29 de enero de 2024
Seit Kurzem setzt Moskau auch Raketen aus Nordkorea gegen die Ukraine ein – mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung. Für diese Waffen bräuchte Kiew viel mehr moderne Abwehrsysteme. Doch während der Westen zögert, schont Putin sein Raketenarsenal.
Die Fotos und Videoaufnahmen aus der zweitgrößten Stadt der Ukraine zeigten auf den ersten Blick die furchtbare Zerstörung nach einem schweren russischen Angriff und die Reaktion der lokalen Behörden.
Aber als Vertreter der ukrainischen Staatsanwaltschaft Anfang Januar auf einem Schrottplatz in Charkiw Fragmente einer Rakete präsentierten, wurde klar, dass es hier um viel mehr gehen könnte als um die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden: um eine neue Phase des russischen Angriffskriegs nämlich. Mit möglicherweise drastischen Folgen für die Ukraine und ihre Bevölkerung.

Denn die Überreste legen nahe, dass Moskau für den Angriff eine nordkoreanische ballistische Rakete vom Typ KN-23 oder KN-24 eingesetzt hat. Die Raketen können je nach Typ und Konfiguration 500 Kilogramm Sprengstoff über eine Entfernung von 400 bis 600 Kilometern transportieren, mit bis zu sechsfacher Schallgeschwindigkeit.
Den Export nordkoreanischer Raketen nach Russland haben Washington und Seoul inzwischen bestätigt. Die Ukraine sei zu einem „Testgelände für Nordkoreas nuklearfähige Raketen“ geworden, warnte der südkoreanische UN-Botschafter.
Zuletzt hatten sich die Beziehungen zwischen Moskau und Pjöngjang weiter intensiviert: Wladimir Putin könnte Nordkorea nach Angaben des nordkoreanischen Außenministeriums bald besuchen. Putin habe seine Bereitschaft dazu zum Ausdruck gebracht, teilte das Ministerium vor einigen Tagen laut Berichten von Staatsmedien mit.
Für die Ukraine sind das schlechte Nachrichten. Noch hat Kim Jong-un seinem Verbündeten Putin zwar keine kriegsentscheidende Wunderwaffe geliefert. Seine Raketen dürften Russlands massive Luftangriffe, die auch in den letzten Tagen wieder Tote und Verletzte in der Ukraine forderten, allerdings noch gefährlicher machen.
Die wenigen, im Land verstreuten Flugabwehrsysteme der Ukraine kommen mit den von Russland eingesetzten iranischen Kampfdrohnen vom Typ Shahed gut zurecht, wie auch mit den verhältnismäßig langsam fliegenden russischen Marschflugkörpern, etwa vom Typ Ch-101. Probleme gibt es hingegen, wenn Russland – wie zuletzt am 8. Januar – koordinierte Salven aus drei Himmelsrichtungen auf die Ukraine abfeuert und dabei auch mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit fliegende ballistische Raketen einsetzt. Die KN-Raketen aus Nordkorea gehört dazu.
Iris-T ist chancenlos gegen ballistische Raketen
Die ukrainische Flugabwehr konnte fast alle Shahed-Drohnen und den größten Teil unterhalb der Schallgeschwindigkeit fliegenden Marschflugkörper abfangen – aber keine ballistischen Raketen oder Überschall-Marschflugkörper. Den stärksten Raketen Wladimir Putins, die sich mit einer Geschwindigkeit von bis zu 9000 Kilometern pro Stunde aus der Stratosphäre auf ihr Ziel stürzen, kann das Land gerade einmal drei Flugabwehr-Batterien vom Typ Patriot entgegensetzen.
Bislang hielt sich die Zahl der Angriffe mit diesen besonders gefährlichen Waffen in Grenzen, weil die russischen Produktionskapazitäten für die komplizierten und teuren Raketen begrenzt sind. Das lassen jedenfalls Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums vermuten. Mit Stand Dezember 2023 hat Russland demnach seit Beginn der Großinvasion vor knapp zwei Jahren 7400 Raketen und Marschflugkörper abgefeuert, dazu kamen 3700 Shahed-Drohnen.
Etwa 900 Raketen, also nur zwölf Prozent, gehörten zum ballistischen Typ Iskander, die einen bis zu 700 Kilogramm schweren Gefechtskopf über eine Entfernung von mehr als 500 Kilometern ins Ziel bringen können und den koreanischen KN-Modellen ähneln. Etwa ein Drittel waren auf kurzen Strecken gegen Landziele eingesetzte und dafür modifizierte Luftabwehrraketen der russischen S-300- oder S-400-Systeme.
Da sie ebenfalls mit Überschallgeschwindigkeit fliegen, sind Abwehrsysteme wie das amerikanische Patriot- oder das französisch-italienische SAMP/T-System nötig. Deutsche Systeme vom Typ Iris-T sind wegen der geringen Reichweite ihrer Abwehrraketen chancenlos gegen ballistische Raketen, genauso wie der Flugabwehrkanonenpanzer Gepard.
Die zweckentfremdeten S-300/S-400-Systeme sollten den russischen Mangel an schweren ballistischen Raketen ausgleichen, haben aber einen entscheidenden Nachteil: Ihre Reichweite gegen Landziele ist auf etwa 250 Kilometer beschränkt, relativ zielgenau sind sie laut ukrainischem Militär auf weitaus kürzere Entfernungen. Der Gefechtskopf der Raketen trägt weniger als 200 Kilogramm Sprengstoff. Im Zweifel reicht aber selbst das für Angriffe auf Kiew vom russischen Territorium aus, das hat Moskau bereits mehrmals bewiesen.
Die prekäre Situation der ukrainischen Flugabwehr dürfte sich nun weiter verschlechtern. Seit Beginn der russischen Invasion konnten die Ukrainer – auf das ganze Land gerechnet – nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Kiew insgesamt 79 Prozent der russischen Drohnen abschießen, aber nur 22 Prozent der Raketen und Marschflugkörper.
Neue Unterstützung aus den USA fraglich
Vor diesem Hintergrund kritisierte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj jüngst die unzureichende westliche Unterstützung, die Lieferung von sieben zusätzlichen Patriot-Systemen hätte vielen Menschen im Land das Leben retten können. Die Abwehrraketen haben einen Stückpreis von bis zu vier Millionen Dollar.
Aktuell verteidigen die Patriot-Systeme laut Selenskyj die Hauptstadt, das Land könne aber ein Dutzend weitere gebrauchen, um Städte wie Cherson oder Odessa zu schützen. Im Rest des Landes kommen unterschiedliche sowjetische und westliche Flugabwehrsysteme zum Einsatz, deren Chancen gegen ballistische Raketen gering sind.
Von Washington dürfe Selenskyj weitere Unterstützung aktuell nicht erwarten, der Kongress blockiert neuerliche massive Ukraine-Hilfen. Währenddessen warnen Kommandeure der ukrainischen Flugabwehr, das Land müsse dringend seine Arsenale an Abwehrraketen aufstocken. Für wie viele russische Großangriffe aus der Luft die Bestände noch reichen, will in Kiew natürlich niemand sagen.
Dass Russland demnächst die Raketen ausgehen könnten, ist eher unwahrscheinlich. Stattdessen sieht sich Kiew mit einer Rüstungsindustrie konfrontiert, die sich auf Umwegen Komponenten beschafft, die eigentlich Sanktionen unterliegen. Laut dem ukrainischen Geheimdienst konnte Russland die Produktion von 40 auf etwa 120 Raketen und Marschflugkörper im Monat steigern, darunter 30 ballistische Iskander-Raketen.
Die Bestände an Flugabwehrraketen für die S-300/S-400-Komplexe dürften in die Tausende gehen. Kürzlich hat Russland zudem die Produktion speziell für Angriffe auf Bodenziele ausgelegter Raketen angekündigt.
Hier könnten die nordkoreanischen Waffenexporte ins Spiel kommen und die Lage der Ukrainer weiter verschlechtern – vorausgesetzt, Nordkorea kann die Raketen und entsprechende Abschussrampen in nennenswerter Zahl liefern. Die Reichweite von Kims Raketen soll bei manchen Modifikationen sogar 900 Kilometer betragen.
Das würde bedeuten, dass Russland jeden beliebigen Punkt im gesamten Territorium der Ukraine mit landbasierten ballistischen Raketen erreichen kann. Eigene aufwendig produzierte Hightech-Waffen wie die luftgestützte Hyperschall-Rakete vom Typ Kinschal bräuchte Putin dann nicht mehr.
