Europas wichtigste Handelsroute nach Asien, durch das Rote Meer und den Suez-Kanal, wird von den Huthis im Jemen blockiert – mit enormen Auswirkungen.
Publicado en Welt, el 19 de diciembre de 2023
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Washington will nun sein Engagement in der Region verstärken. Im Gespräch sind weitreichende Schritte des US-Militärs.
Durch die anhaltenden Angriffe der Huthi-Milizen auf Schiffe im Roten Meer ist die wichtigste Handelsroute zwischen Europa und Asien weitgehend unterbrochen. Vier der fünf größten Reedereien weltweit haben die Fahrt durch das Rote Meer eingestellt. Am Montag gab auch der Ölriese BP bekannt, die Route nicht mehr zu benutzen. 55 Schiffe wurden von ihren Eignern umgelenkt und haben die sehr viel längeren und kostspieligeren Weg um die Südspitze Afrikas genommen.
Viele andere Schiffe haben ihre Fahrt zeitweilig unterbrochen. Aus Europa kommende Frachter ankern im mittleren und nördlichen Teil des Roten Meeres, um die Entwicklung abzuwarten. Aus Asien kommende Schiffe ankern vor dem Golf von Aden im Indischen Ozean – ebenfalls aus Angst, bei der Weiterfahrt durch die Meeresenge Bab al-Mandeb angegriffen zu werden.
Am späten Montagabend deutscher Zeit dann kündigte der US-amerikanische Verteidigungsminister Lloyd Austin als Reaktion auf die zunehmenden Attacken die „Operation Prosperity Guardian“ an – eine Sicherheitsinitiative im Roten Meer und dem Golf von Aden, der laut Mitteilung neben den Vereinigten Staaten etwa Großbritannien, Bahrain, Kanada und einige europäische Staaten angehören. Deutschland findet sich nicht auf der Liste. Die aktuelle Häufung der Angriffe bedeute eine „internationale Herausforderung, die kollektiven Handelns bedarf“, wird Austin zitiert.
Lau dem Branchenmagazin „gCapitain“ hatten bereits zuvor einige Reedereien Gespräche mit dem US-Außenministerium aufgenommen in der Hoffnung, dass es zu einer derartigen US-geführten Marine-Mission kommt, die Schiffsverbänden Geleitschutz gewährt.
In den vergangenen Wochen hatten amerikanische, britische und französische Kriegsschiffe immer wieder Huthi-Drohnen und -Raketen abgefangen, die gegen Handelsschiffe abgeschossen wurden. Die derzeit im Roten Meer stationierten Einheiten reichen aber bei Weitem nicht aus, um den Schutz aller Frachter sicherzustellen.
„Die Hutis haben ein gigantisches Arsenal an Anti-Schiffsraketen“, sagte Raketenexperte Fabian Hinz vom International Institute for Strategic Studies gegenüber dem „Economist“. Das schließe Raketen mit einer Reichweite von bis zu 800 Kilometern ein. Die Huthis werden vom Iran aufgerüstet und finanziert. Teheran hat viel Erfahrung in der Bedrohung wichtiger internationaler Handelsrouten, etwa am Arabischen Golf und der Straße von Hormus.
Die Huthis haben lange vorgetäuscht, sie würden nur Schiffe angreifen, die nach Israel unterwegs sind. Aber viele ihrer Ziele hatten entweder gar keinen oder nur einen sehr vagen Bezug zu Israel. Es wird immer deutlicher, dass die Huthis darauf abzielen, die Schifffahrt durchs Rote Meer ganz zum Erliegen zu bringen. Etwa zwölf Prozent des Welthandelsvolumens und geschätzte 30 Prozent des Containerhandels werden durch das Rote Meer und den Suez-Kanal geschleust.

Die alternative Route um das Kap der guten Hoffnung ist nicht nur etwa drei Wochen länger und dadurch sehr viel teurer, mit erheblichen Auswirkungen auf die Lieferketten der Industrie. Ein Umlenken der Handelsströme weg vom ägyptischen Suez-Kanal würde auch einen enormen finanziellen Schaden für Ägypten bedeuten, das sich ohnehin in einer finanziellen Krise befindet.
Offensichtlich sind die Attacken der Huthis Teil einer iranischen Strategie der Spannung in der Region, zu der auch die Angriffe der Hisbollah auf Israel und etwa 100 Angriffe iranisch unterstützter Milizen in Syrien und Irak auf US-Basen in der Region gehören. Die USA haben darauf bisher nur sehr zurückhaltend reagiert. Im Roten Meer etwa haben sie keine Vergeltungsschläge gegen die Huthis gestartet, sondern nur deren Angriffe abgewehrt.
Gegen die Milizen in Syrien und Irak haben sie nur wenige und begrenzte Vergeltungsschläge ausgeführt. Mit dieser defensiven Taktik wollte die Biden-Regierung verhindern, dass der Krieg zwischen der Hamas und Israel sich auf die ganze Region ausbreitet. Kritiker dieses Kurses sagen jedoch, dass die Huthis die amerikanische Zurückhaltung nur als Anreiz verstanden haben, ihre Angriffe auszuweiten.
Auch einige Staaten in der Region plädieren derweil für ein robusteres Vorgehen. So üben die Vereinigten Arabischen Emirate laut Bloomberg News Druck auf die USA aus, Militäroperationen gegen die Huthis zu starten und sie wieder auf die US-Terrorliste zu setzen. Wie „Politico“ berichtet, verlagert sich die Debatte in Washington gerade. Die US-Regierung erwäge ernsthaft, militärische Ziele der Huthis anzugreifen, um Abschreckungswirkung herzustellen und zu signalisieren, dass die Milizen einen Preis zahlen müssen, wenn sie weiter die internationale Schifffahrt gefährden.
Die Amerikaner haben jedenfalls weitere Marine-Verbände Richtung Jemen geschickt. So sind zwei Zerstörer aus dem Mittelmeer Richtung Bab al-Mandeb unterwegs, der Flottenverband um den Flugzeugträger „Dwight D. Eisenhower“ ist aus dem Arabischen Golf Richtung Jemen in Bewegung gesetzt worden. Die Frage ist, was Europa zu einer Marine-Mission beitragen könnte. Schließlich sind die nationalen und Sicherheitsinteressen der Europäer durch den Ausfall der Rote-Meer-Route sehr viel stärker betroffen als die der Amerikaner.
Nato und EU sehen die Raketen- und Drohnenangriffe der vom Iran unterstützten Huthi-Milizen zwar mit zunehmender Sorge. Konkrete Schritte, sich an der Konfliktlösung zu beteiligen, planen EU und Nato bisher aber noch nicht. Ein Sprecher des Europäischen Auswärtigen Dienstes sagte WELT, „die Angelegenheit wird unter den EU-Mitgliedsländern und mit unseren internationalen Partnern diskutiert“. Weitere Details wollte der Sprecher nicht nennen.
Ausdehnung der Mission Atalanta?
Nach WELT-Informationen sollen aber auch die Angriffe auf europäische Schiffe in dieser Woche innerhalb der EU intensiv beraten werden, es ist auch ein Gespräch mit Rogeiro Paulo Figueira Martins de Brito geplant, dem Kommandeur der EU-Militäroperation Atalanta im Golf von Aden. Sie schützt seit 2008 mit einer unterschiedlichen Anzahl von Schiffen humanitäre Hilfslieferungen nach Somalia, kämpft vor der Küste Somalias gegen Piraterie – und befindet sich ganz in der Nähe der Krisenregion.
Das neue Mandat von Atalanta umfasst schon jetzt das Rote Meer, auch wenn das faktische Einsatzgebiet sich weitgehend vor Somalia im Indischen Meer abspielt. Es ist also durchaus denkbar, die laufende EU-Mission in die Überwachung des Roten Meeres einzubeziehen. Das bisherige Mandat sieht allerdings nur die Bekämpfung von Piraten vor und nicht die Abwehr von Raketenangriffen quasi-staatlicher Akteure wie die Huthis.
Gleichzeitig strebt die EU seit einigen Monaten eine militärische Zusammenarbeit mit Ägypten in der Region an, wie WELT AM SONNTAG Anfang November berichtet hatte. Ziel ist langfristig eine sogenannte Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft. Demnach sollen in einem ersten Schritt demnächst europäische Soldaten mit ägyptischen Seestreitkräften üben.
Die Überlegungen über eine mögliche Einbeziehung Ägyptens auch zum Schutz europäischer Schiffe gegen Huthi-Angriffe befinden sich dagegen noch in „einem sehr frühen Stadium“ und würden, wie andere Optionen auch, geprüft, hieß es aus informierten Diplomatenkreisen.
Auch die Nato will abwarten, wie sich die Krise im Roten Meer entwickelt. Intern heißt es, theoretisch sei nicht ausgeschlossen, dass sich die Allianz – je nach Entwicklung der Krise – auf mittlere Sicht im Roten Meer engagiere. Ausdrücklich wurde in diesem Zusammenhang erwähnt, dass auch die International Security Assistance Force (Isaf) beim Einsatz in Afghanistan zunächst von einzelnen Nato-Ländern geführt wurde, bevor das Kommando 2003 auf die Nato überging.
